Ästhetische Praxis als Medienkritik

Das Projekt Ästhetische Praxis als Medienkritik (Laufzeit: 07.2017 bis 02.2018) wurde durch das Grimme-Forschungskolleg an der Universität zu Köln finanziert. Angesiedelt an der Professur für Ästhetische Bildung war die Workshop-Reihe Teil des größeren Forschungsschwerpunktes Post-Internet Arts Education des Instituts für Kunst & Kunsttheorie und wurde in Kooperation mit Konstanze Schütze (Kuratorin, Berlin) und mit Dr. Harald Gapski (Grimme-Institut) durchgeführt. Das Projekt untersuchte vor dem Hintergrund der Herausforderungen der postdigitalen Gesellschaft aktuelle Formen und Praxen von Kritik. Dafür fanden vier interdisziplinäre Workshops zur ästhetischen Praxis in der aktuellen Medienkultur und Kunst statt.

 

1. Workshop „Digitale Jugendkulturen und Medienkritik“ am 20. und 21. Oktober 2017 mit Beiträgen von Michael Seemann (Berlin), Nina Spöttling-Metz (Frankfurt), Ellen Wagner (Offenbach), Konstanze Schütze (Berlin), Julia Dick, Annemarie Hahn, Kristin Klein, Alex Klütsch, Torsten Meyer und Manuel Zahn (alle Köln).

Der erste Workshop widmete sich dem Verhältnis von postdigitalen jugendkulturellen Praktiken und dem medienpädagogischen Begriff der Medienkritik. Angesichts der aktuellen jugend- und popkulturellen Medienpraktiken, die mit Begriffen wie Nähe, Immersion, Vernetzung, Serialität, Kooperation und Kollaboration assoziiert werden, scheinen die Kritikbegriffe vorliegender Konzeptionen von Medienkompetenz und -bildung, die auf Distanzierung, Vereinzelung und individuelles kognitives Verstehen abzielen, an ihre Grenzen zu kommen. Vor dem Hintergrund der postdigitalen Medienkulturen haben wir vorliegende Verständnisse von Kritik befragt und nach neuen kritischen Praxen gesucht: Wie zeigt sich kritische Praxis in der aktuellen Medienkultur? Wo setzt sie an, wie verfährt sie und worauf bezieht sie sich?

 

2. Workshop „Ryan Trecartin: Affirmation, Intensität und Kritik“ am 17. und 18. November mit Beiträgen von Paula Kommos (Kassel) und Konstanze Schütze (Berlin) u.a.

Ryan Trecartins komplexe Videos und Installationen lassen uns die Gegenwart und ihre Eigenheiten in verdichteter Weise erfahren. Insbesondere die Videoarbeiten sind Montagen aus fragmentiertem, vielfach bearbeiteten und neu zusammengefügten Material des medialen und kulturellen Alltags – sprachliche Wendungen, Bilder, Textschnipsel, Produktwerbung, Slogans, u.a.m. Teilweise in starker Überhöhung, Verzerrung und extremer Verdichtung de versammelten Elemente und ästhetischen Figuren inszeniert Trecartin eine übersättigte Wahrnehmungssituation kultureller Codes. Während der erste Eindruck durch die hohe Intensität der Videobilder (bis hin zur Überforderung der Betrachter*innen) vor allem Strategien der Affirmation oder Immersion in die medienkulturelle Gegenwart vermuten lässt, ergibt sich für uns gleichsam die Vermutung mit einer kritischen Praxis konfrontiert zu sein. Dieser Vermutung folgend befragen wir im zweiten Workshop der Reihe Trecartins Arbeit an einem seiner frühen Beispiele Re‘Search Wait’S (2009–2010).

 

3. Workshop „Christopher Kulendran Thomas: Hyperrealität, Spekulation und Kritik“ am 8. und 9. Dezember mit Beiträgen von Kristin Klein, Alexander Klütsch (beide Kökn), Katja Lell (Zürich) und Ellen Wagner (Offenbach).

Wie könnte man die Staatsbürgerschaft im Zeitalter globaler Vernetzung und digitalen Nomadentums neu konzipieren? Könnte angesichts wieder auflebender Nationalismen in der ganzen Welt und angesichts des abnehmenden Vertrauens der Öffentlichkeit in bestehende politische Institutionen die Technologie alternative Formen gesellschaftlicher Organisation über die Landesgrenzen hinaus ermöglichen? „What if homes were streamable like music or movies and citizenship fluid beyond borders?” – Diesen Fragen widmen sich die Künstler*innen Christopher Kulendran Thomas und Annika Kuhlmann. Gemeinsam gründeten sie mit „New Eelam“ ein Start-Up, das gleichermaßen künstlerische Utopie ist: ein globales, flexibles Wohnungsabonnement, das den Lebensumständen einer wachsenden Klasse kreativ Arbeitender entspricht. New Eelam bezieht sich auf strukturelle Bedingungen und Prozesse von Urbanisierung und Gentrifizierung und deren affirmative Verstärkung. Die Verwicklung mit unternehmerischen Praxen und einer Silicon-Valley-Rhetorik stellen tradierte Auffassungen des Kritik-Begriffs in Frage. Die ausgeprägte Werbe-Ästhetik der Arbeit multipliziert sich in verschiedenen Settings: Als Start-Up, als Promotionvideo, als Museumsinstallation und Ideologie verstrickt sie sich in unterschiedlichen Formaten zu komplexen Spekulationen auf die Zukunft.

 

4. Workshop „Ästhetische Praxis als Medienkritik“ mit Heidrun Allert (Kiel), Manfred Faßler (Frankfurt am Main), Susanne Witzgall (München) und Manuel Zahn (Köln).

Der vierte und letzte Workshop greift den Titel der Workshopserie fragend auf und führt die bis dato erarbeiteten Erkenntnisse hinsichtlich einer möglichen Konzeption von ästhetischer Praxis als kritischer Praxis zusammen. Leitende Fragen sind dabei: Welche Herausforderungen stellen die durch Globalisierung und Digitalisierung veränderten Medienkulturen an kritische Praxis? Befinden wir uns in einem Zustand von Post-Kritik und müssen andere Konzepte entwickeln, um individuelle sowie kollektive widerständige Praktiken unter den veränderten Bedingungen beschreiben zu können? Oder können wir mit aktuellen künstlerischen Arbeiten der Post-Internet Art Ansätze dafür finden, wie kritische Praxis in der postdigitalen Medienkultur verstanden werden kann und dementsprechend Kritik überdacht werden muss? Diese und weitere Fragen werden wir im Dialog mit anderen bildungstheoretischen, kulturwissenschaftlichen und kuratorischen Positionen zur kritischen Praxis diskutieren.

 

Ziel des Projekts war es, die künstlerische Praxis und ästhetische Reflexion ausgewählter Künstler*innen als medienkritische Praxis für den erziehungswissenschaftlichen Diskurs (insbesondere für die Ästhetische Bildung und Medienpädagogik) zu erschließen. Leitende These dabei war, dass die künstlerischen Arbeiten Aufschluss darüber geben, wie kritische Praxis in der postdigitalen Medienkultur verstanden werden kann und dementsprechend in medienbildungstheoretischer Perspektive Medienkritik überdacht werden muss.

Das Projekt adressierte Erziehungs- und Medienwissenschaftler*innen, Medienpädagog*innen, Künstler*innen, Kunstvermittler*innen und Kunstlehrer*innen sowie Studierende, die sich mit Fragen kritischer Medienpraxis beschäftigen. Es widmete sich zudem der Nachwuchsförderung, indem es Promovierende und exzellente Studierende der Universität zu Köln im Rahmen der Workshops mit erfahrenen und ausgewiesenen Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Kurator*innen zusammenbrachte.

Die Workshops sind auf der Webseite des Grimme-Forschungskollegs dokumentiert: http://www.grimme-forschungskolleg.de

Die Vorträge der Workshops wurden videographiert und auf der Plattform kunst.uni-koeln.de/monthly des Instituts für Kunst & Kunsttheorie und auf piaer.net/vortraege/ publiziert.