Vorträge

Vortrag von Susanne Witzgall am 12.01.2018: Von »Amos’ World« zu neuen Räumen der Kritik

Abstract

Ausgehend von Cécile B. Evans Arbeit Amos’ World: Episode one (2017) nähert sich der Vortrag der Frage an, wie in der heutigen kuratorischen oder lehrenden Praxis neue Räume für ein kritisches Denken gewonnen werden können. Evans erster Teil der Film-Triologie folgt dem Protagonisten Amos, dem Architekten einer sozial-progressiven Wohnsiedlung im Stil des Brutalismus und einigen ihrer Bewohner/innen. Während Amos anfangs noch schwärmerisch die Vision eines besseren Lebens beschreibt, die durch seine Architektur verwirklicht werden soll, beginnt diese Vision durch Kommentare einer Personifikation des Wetters, sowie die filmischen Porträts der Bewohner/innen bald erheblich zu bröckeln. Zudem wird deutlich, dass Amos Architektur nicht allein für die brutalistischen und kompromisslosen Betongebäude der 1950er bis 1970er Jahre steht. Sie muss vor allem als materialisierte Metapher für die digitalen Infrastrukturen unserer Netzwerkgesellschaft begriffen werden. Die Erzählstränge von Amos world: Episode one vereint einen unkritischen Eskapismus mit einer offenen Kritik an diesen digitalen Infrastrukturen und ihren Utopien – jedoch nicht ohne diese Kritik wiederum selbst in ihrem Scheitern und ihren Möglichkeiten zu präsentieren. Abgesehen von diesem prüfenden Abtasten der Kritik eröffnet die Arbeit drei weitere Perspektiven, die im zweiten kürzeren Teil des Vortrags zu drei zentralen, miteinander verwobenen Ansatzpunkten für kritische Denk- und Handlungsweisen entwickelt werden: Der erste deutet den Eskapismus als eine produktive Verweigerung, die im besten Fall eine neue Welt erschließen kann. Der zweite übt Kritik an der professionellen Mobilisierung (Pignarre/Stengers) als ausschließende Einhegung in eigene Paradigmen, Konzepte und Wertmaßstäbe. Der dritte findet im transversalen Denken (Guattari) ein kritisches Werkzeug für das Aufbrechen hegemonialer Logiken und Hierarchien.

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Susanne Witzgall ist Initiatorin und wissenschaftliche Leiterin des vom BMBF geförderten cx centrum für interdisziplinäre studien an der Akademie der Bildenden Künste München. Sie studierte Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften, Psychologie und Kunstpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Stuttgart, wo sie 2001 promovierte. Von 2003 bis 2011 lehrte sie am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste München. Darüber hinaus war sie als freie Kuratorin und von 1995 bis 2002 als Kuratorin am Deutschen Museum Bonn und Deutschen Museum, München tätig. Sie ist unter anderem Kuratorin bzw. Cokuratorin der Ausstellungen: Art & Brain II (1997/1998), Das zweite Gesicht (2002), Say it isn’t so (2007), (Re)designing nature (2010/2011) sowie Autorin und Herausgeberin zahlreicher Bücher und Aufsätze zur zeitgenössischen Kunst, zum Verhältnis von Kunst und Wissenschaft und zu Themen aktueller interdisziplinärer Diskurse. Hierzu zählen ihre Monographie Kunst nach der Wissenschaft (Verlag für moderne Kunst, 2003) sowie New Mobility Regimes in Art and Social Sciences (hrsg. mit Gerlinde Vogl und Sven Kesselring, Ashgate, 2013), Macht des Materials/Politik der Materialität, Fragile Identitäten, Die Gegenwart der Zukunft (alle drei hrsg. mit Kerstin Stakemeier, diaphanes, 2014, 2015 und 2016) sowie Reale Magie (2017).

Vortrag von Alexander Klütsch am 09.12.2017: »New Eelam – Liquid Citizenship«. Rekonstruktion einer persönlichen Annäherung

Abstract

Der Vortrag stellt die Arbeit »New Eelam. Liquid Citizenship« von Annika Kuhlmann und Christopher Kulendran Thomas im Rahmen der Tagung »Ästhetische Praxis als Medienkritik« vor. Alexander Klütsch folgt dabei zunächst seiner persönlichen Rezeptionsgeschichte der Arbeit, die mehrere Phasen durchlief, von Affirmation über kritische Auseinandersetzung bis hin zu einigen Zweifeln. Im Rahmen der Tagung und durch die Beschäftigung mit der langen Video-Version, die nicht jedem zugänglich ist und auch nicht Teil der ausgestellten Arbeit auf der 9. Berlin Biennale war, wird versucht einer möglichen politischen Intention der Arbeit auf die Spur zu kommen. Nach einer ausführlichen Beschreibung der Inhalte der Videoarbeit wird die Arbeit auf ihr möglicherweise utopisches Potential hin überprüft. In einem nächsten Schritt schaut sich Klütsch die Arbeit aus der Perspektive der sogenannten Metamoderne an und fragt sich, ob man sie in diesem Verständnis lesen kann. Schließlich werden als Anregung für ein Weiterdenken im Workshop noch einige offene Fragen an die Arbeit formuliert.

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Alexander Klütsch (Jahrgang 1978) studierte zunächst Philosophie, Geschichte und Politik, anschließend Philosophie und Kunst für Lehrämter in Köln. Seit Ende 2014 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunst & Kunsttheorie der Universität zu Köln. Derzeit arbeitet er an seinem Dissertationsprojekt über das Verhältnis von Mensch und Natur/Kultur und über Utopien in der zeitgenössischen Kunst.

Vortrag von Ellen Wagner am 09.12.2017: Fishing for Controversy. »New Eelam« als »critical troll« vor dem Hintergrund eines ethisch-ästhetischen Paradigmas

Abstract

Bezogen auf den Internet-Kontext meint Trolling das Eingreifen anonymer User auf digitalen Plattformen mit dem Ziel, emotionale Überreaktionen zu provozieren. Über eine spezifische Art der Verwendung massenmedialer Rhetoriken können auch „künstlerische Trolle“ eine auf „criticality“ bedachte Kunstwelt provozieren, um dieser ihre Voreinstellungen anhand kontrovers dargebotener Themen vorzuführen. Durch offensichtliche Verkürzung und Verzerrung können sie für lebendige Diskussionen sorgen, sowohl über die von ihnen aufbereiteten Themen als auch über die Angemessenheit der Aufbereitung. Anhand der Arbeit „New Eelam“ von Christopher Kulendran Thomas und Annika Kuhlmann geht der Vortrag dem Potential solcher ideologisch zweischneidiger Arbeiten nach, uns dazu zu bringen, zu medialen, auch künstlerischen Zusammenstellungen des Politischen Stellung zu beziehen.

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Ellen Wagner ist freie Autorin und Kuratorin. Texte von ihr erschienen u. a. auf dem Artblog Cologne und in der Springerin. Nach ihrem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg schrieb Ellen Wagner ihre Dissertation zu Strategien der Mimikry in der Post-Internet Art an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach a. M.

Vortrag von Kristin Klein am 08.12.2017: Über künstlerische Strategien des Brandings am Beispiel von »New Eelam«

Abstract

NEW EELAM, ein Start-Up der Künstler*innen Christopher Kulendran Thomas und Annika Kuhlmann, spekuliert mit der Möglichkeit (globaler) postkapitalistischer Gesellschaftsformen. Es imaginiert Szenarien für das Leben einer wachsenden Klasse weltweitgewordener Nomad*innen, die projektbezogen und mobil von ihrem Laptop aus arbeiten und für die sich „zu Hause“ gewöhnlich über die automatisch hergestellte Verbindung zwischen Router und ihren digitalen Devices definiert. NEW EELAM entwirft auf Basis techno-ökonomischen Verwicklungen von Kunst und Kulturindustrie ein komplexes Geflecht prototypischer Zukünfte, Ideen für neue Formen des flexiblen Zusammenlebens, kollektiven Besitzes und fluider Nationalität und artikuliert sich in Form von Lounge-Atmosphären, messeähnlichen Installationen, futuristisch anmutenden Ensembles, als Werbefilm oder Artisttalk.

Am Beispiel von NEW EELAM werden in diesem Beitrag probehalber Überlegungen zum Branding in der Kunst präsentiert. Ausgehend von einer Definition des Brandings aus marketinglogischer Sicht stellt der Vortrag anhand ausgewählter Zitate Funktionen von Marken u.a. als Selbsterweiterungen und agentielle Entitäten, als Verdichtungen, als Aufmerksamkeitsknoten und Navigationstools heraus. Der kurze Werbefilm zu New Eelam wird mit einer iPhone-Werbung hinsichtlich Motivik und Thematik verglichen und Formen des Brandings als interpretative Rahmen aktueller Kunst in den Blick genommen.

Etwas präziser ausformuliert und kontextualisiert sind einige der Überlegungen in: Kristin Klein: Branding and Trending. Post-Internet Art im Kontext aktueller Markenökologien. In: Dick, Julia; Eschment, Jane; Meyer, Torsten (Hg.): Arts Education In Transition (erscheint 2018).

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Kristin Klein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunst & Kunsttheorie der Universität zu Köln, aktuell im Projekt Post-Internet Arts Education Research:. Sie studierte Kulturwissenschaft, Kunstpädagogik, Philosophie, Germanistik und Bildungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, der TU Dresden und der Boston University.

Forschungsinteressen: Kunst nach dem Internet, Kunstpädagogik im Kontext postdigitaler Kulturen, Zukunftsentwürfe in aktueller Kunst, Schulentwicklung und Bildungstheorie, Speculative Design.

Promotionsprojekt:Navigating the Present, Prototyping the Future. Ansätze für eine Kunstpädagogik nach dem Internet. (Arbeitstitel)

kristin-klein.net

Vortrag von Torsten Meyer am 25.10.2017: Anderes Zeigen. Der Curatorial Turn in der Kunstpädagogik

Abstract

Kunstlehrer*innen nach dem Curatorial Turn stelle ich mir vor als Inszenierer*innen von Kunst als Lernumgebung. Ihre Methode ist die Kuration: die Pflege des Diskurses als Sorge um die Diskussion. Sie versammeln die Aufmerksamkeit ihrer Schüler*innen um das kuratorische Projekt herum. Und sie zeigen dabei – vor dem Hintergrund der aktuellen künstlerischen Aktivitäten auf dem Planeten –, wie Alternativen sichtbar, Äquivalente denkbar und Anschlüsse machbar werden.

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Torsten Meyer, *1965, Prof. Dr. phil., Professor für Kunst und Ihre Didaktik, Schwerpunkt aktuelle Medienkultur an der Universität zu Köln. Studium der Erziehungswissenschaft, Soziologie, Philosophie und Kunst in Hamburg und Lüneburg. Arbeitsschwerpunkte: Next Art Education, Globalisierung & Digitalisation, pädagogische Medientheorie, Schul- und Hochschulentwicklung im Horizont grundsätzlich veränderter Medienkultur. Zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen im Kontext Kunst Medien Bildung, zuletzt: Sujet Supposé Savoir (2010), Shift. #Globalisierung #Medienkulturen #Aktuelle Kunst (2012), Next Art Education (2013), What’s Next? Kunst nach der Krise (2013), Subjekt Medium Bildung (2014), What’s Next? Bd. II Art Education (2015), where the magic happens (2016), Übertrag. Kunst und Pädagogik im Anschluss an Karl-Josef Pazzini (2017).

medialogy.de

Gastvortrag von Michael Seemann am 24.10.2017: Digitaler Tribalismus – Die wahre Geschichte hinter Fake News

Abstract

Post-Truth oder postfaktisches Zeitalter wird unsere Epoche schon genannt. Grund dafür sind aus den Fugen geratene Informationssyteme, die seit dem Internet die Öffentlichkeit mit immer mehr Falschinformationen fluten. Die Erklärungen sind vielseitig: Von russischen Trollfarmen bis algorithmischen Filterbubbles gibt es viele Erklärungsversuche. Wir haben in einer Studie untersucht, wie sich Fake News in Deutschland tatsächlich verbreiten, und sind dabei auf ein ganz anderes Phänomen gestoßen. Digitale Stämme formieren sich im Internet und wähnen sich in einem fortwährenden Informationskrieg mit der „Lügenpresse“. Fake News sind nichts weiter als das Futter für bestätigungshungrige Stämme und somit Munition in ihrem Kampf um die Deutungshoheit – und um ihre Identität.

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Michael Seemann, *1977, studierte Angewandte Kulturwissenschaft in Lüneburg. Seit 2005 ist er mit verschiedenen Projekten im Internet aktiv. Seine Thesen zum Kontrollverlust hat er 2014 auch als Buch veröffentlicht: „Das Neue Spiel, Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust“. Er gibt Seminare zur Internetkultur an der Universität zu Köln und hält Vorträge über Kontrollverlust, Plattformen und digitalen Tribalismus.

ctrl-verlust.net

Vortrag von Annemarie Hahn am 21.10.2017: The Copypaste Condition

Abstract

Seitdem Digitalität zur allgegenwärtigen Bedingung geworden ist, ist Copypasten nicht mehr nur künstlerische Referenzarbeit, sondern allgegenwärtige kulturelle Praxis. Diese kulturelle Praxis hat verschiedene Spielarten entwickelt, die zwar nach wie vor unter dem Label der Referenzialität subsumiert werden können. Dennoch lohnt sich ein genauer Blick in die verschiedenen Ausformungen, die sich innerhalb einer „copy paste condition“ gebildet haben. Der Vortrag versucht, vom remix über das meme bis zum hashtag ein Cluster zu entwerfen, in dem Copypaste-Strategien differenziert betrachtet werden können.

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Annemarie Hahn arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunst & Kunsttheorie an der Universität zu Köln und ist dort für das Grimme-Forschungskolleg als auch in dem Innovationsprojekt Flipping University im Bereich maker spaces & infrustructure design tätig. Sie hat Kunstpädagogik, Germanistik und Sonderpädagogik in Köln studiert und einen beruflichen Hintergrund der Mediengestaltung. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit Kunstpädagogik im Spannungsfeld relationaler und agentieller Theorien im Kontext inklusiver Bildung.

methodemandy.com

Vortrag von Manuel Zahn am 20.10.2017: Ästhetische Praxis als Medienkritik. Einführende Überlegungen und Fragen

Der erste Workshop in der Reihe Ästhetische Praxis als Medienkritik widmet sich dem Verhältnis von postdigitalen jugend­kulturellen Praktiken und dem medienpädagogischen Begriff der Medienkritik. Angesichts der aktuellen jugend- und popkulturellen Medienpraktiken, die mit Begriffen wie Nähe, ­Immersion, Vernetzung, Serialität, Kooperation und Kollaboration assoziiert werden, scheinen die Kritikbegriffe vorliegender Konzeptionen von Medienkompetenz und -bildung, die auf Distanzierung, Vereinzelung und individuelles kognitives Verstehen abzielen, an ihre Grenzen zu kommen. Vor dem Hintergrund der postdigitalen Medienkulturen werden daher die vorliegenden Verständnisse von Kritik befragt und nach neuen kritischen Praxen gesucht: Wie zeigt sich kritische Praxis in der aktuellen Medienkultur, die sich in erster Linie aus jugendkulturellen ­Praktiken zusammensetzt? Wo setzt sie an, wie verfährt sie und worauf bezieht sie sich?

Das Projekt „Ästhetische Praxis als Medienkritik“ (2017/18) wurde durch das Grimme-Forschungskolleg an der Universität Köln finanziert. Es untersuchte vor dem Hintergrund der Herausforderungen der postdigitalen Gesellschaft aktuelle Formen und Praxen von Kritik. Vier ­interdisziplinäre Workshops bildeten die Basis für eine Bestandsaufnahme kritischer Medienpraxis in der ­aktuellen Medienkultur und für die Schärfung des Kritikbegriffs an aktuellen künstlerischen Praxen. ­Angesiedelt an der Professur für Ästhetische Bildung war die Workshop-Reihe Teil des ­größeren Forschungsschwerpunktes Post-Internet Arts Education des Instituts für Kunst & Kunsttheorie und wird in Kooperation mit dem Grimme-Institut durchgeführt.

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Manuel Zahn studierte Sonderpädagogik, Erziehungswissenschaft, Philosophie und Psychologie an der Universität Hamburg und promovierte über „Ästhetische Film-Bildung“. Seit dem Sommersemester 2017 ist er Professor für Ästhetische Bildung am Institut für Kunst & Kunsttheorie der Universität zu Köln. Zuvor war er Vertretungsprofessor für Kunstpädagogik an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Oldenburg und Hamburg. Seine Arbeitsgebiete sind Erziehungs- und Bildungsphilosophie, Medienbildung (insbesondere Filmbildung), Kunstpädagogik und Ästhetische Bildung in der digitalen Medienkultur.

http://blogs.epb.uni-hamburg.de/zahn/

Vortrag von Torsten Meyer am 20.10.2017: Kritik, Kontrolle, Postironie. Subversion in der Generation C

Abstract

Der Modus der Kulturkritik, wie wir ihn von Rousseau bis Adorno kennen, ist ein „Reflexionsmodus der Moderne“ (Georg Bollenbeck). Moderne verstehe ich dabei als kulturelles Makromilieu, als Mediosphäre im Sinne der Mediologie Régis Debrays, das sich um bestimmte Kulturtechniken, die mit bestimmten Medientechnologien herum entwickelt hat. Das kulturelle Makromilieu, das wir Moderne nennen, ist an seinen Rändern etwas unscharf. Es ist nicht ganz klar abgrenzbar, wann es zu wirken begann. Und es ist auch nicht ganz klar, wann es damit zu Ende ging. Das ist eine Frage des Maßstabs und der Perspektive. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, was ein der modernen Kulturkritik entsprechender Reflexionsmodus der aktuellen Mediosphäre sein könnte. Dem „Reflexionsmodus der Moderne“ soll hier ein Aktionsmodus der nächsten Gesellschaft entgegensetzt werden, der wohl wiedererkennbar in der Tradition der Kulturkritik steht, aber doch auf ein ganz anderes Problem reagiert.

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Torsten Meyer, *1965, Prof. Dr. phil., Professor für Kunst und Ihre Didaktik, Schwerpunkt aktuelle Medienkultur an der Universität zu Köln. Studium der Erziehungswissenschaft, Soziologie, Philosophie und Kunst in Hamburg und Lüneburg. Arbeitsschwerpunkte: Next Art Education, Globalisierung & Digitalisation, pädagogische Medientheorie, Schul- und Hochschulentwicklung im Horizont grundsätzlich veränderter Medienkultur. Zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen im Kontext Kunst Medien Bildung, zuletzt: Sujet Supposé Savoir (2010), Shift. #Globalisierung #Medienkulturen #Aktuelle Kunst (2012), Next Art Education (2013), What’s Next? Kunst nach der Krise (2013), Subjekt Medium Bildung (2014), What’s Next? Bd. II Art Education (2015), where the magic happens (2016), Übertrag. Kunst und Pädagogik im Anschluss an Karl-Josef Pazzini (2017).

Voträge von Julia Dick, Alex Klütsch, Nina Spöttling-Metz und Ellen Wagner am 20.10.2017: Jugend- und popkulturelle Medienpraktiken der Gegenwart

Julia Dick stellt am Beispiel vom „Echten Gängster“ heraus, wie die Plattform YouTube spielerisch genutzt werden kann, um eigensinnige, parodistische und individuelle Selbstdarstellungen fernab normativer Kriterien zu äußern und zu verbreiten.

Alex Klütsch stellt die Plattform „Twitch“ vor. Bei „Twitch“ handelt es sich um ein Portal, das sich auf Live-Streaming von Computerspielen spezialisiert hat, sogenannte „Let’s Plays“. Dabei schaut die Community einzelnen Gamer*innen beim Computerspielen zu und interagiert in einem Live-Stream mit dem/der Gamer*in. „Twitch“ und andere Plattformen wie zum Beispiel YouTube updaten das „klassische“ Fernsehen um den Aspekt der Interaktion und werden somit interessant im Zusammenhang mit jugendkultureller Medienpraxis.

Nina Spöttling-Metz beschäftigt sich mit dem Spannungsverhältnis von Empowerment und der Kommodifizierung von Kritik in Anbetracht der aktuell in den sozialen Netzwerken entlang visueller Strategien stattfindenden Diskurse um die Kategorien von Race, Class und Gender.

Ellen Wagner stellt verschiedene Formen des Game-Moddings sowie deren mögliche emanzipatorische Potentiale für die Modder selbst wie auch die Spielenden vor. Auch künstlerische Arbeiten, die sich dieser und ähnlicher Techniken bedienen, werden besprochen.

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Der erste Workshop in der Reihe Ästhetische Praxis als Medienkritik widmet sich dem Verhältnis von postdigitalen jugend­kulturellen Praktiken und dem medienpädagogischen Begriff der Medienkritik. Angesichts der aktuellen jugend- und popkulturellen Medienpraktiken, die mit Begriffen wie Nähe, ­Immersion, Vernetzung, Serialität, Kooperation und Kollaboration assoziiert werden, scheinen die Kritikbegriffe vorliegender Konzeptionen von Medienkompetenz und -bildung, die auf Distanzierung, Vereinzelung und individuelles kognitives Verstehen abzielen, an ihre Grenzen zu kommen. Vor dem Hintergrund der postdigitalen Medienkulturen wollen wir daher die vorliegenden Verständnisse von Kritik befragen und nach neuen kritischen Praxen suchen: Wie zeigt sich kritische Praxis in der aktuellen Medienkultur, die sich in erster Linie aus jugendkulturellen ­Praktiken zusammensetzt? Wo setzt sie an, wie verfährt sie und worauf bezieht sie sich?

Gastvortrag von Matthias Pasdzierny am 30.05.2017: Pop repeats iteself?

Abstract

Pop ist in der Krise: Glaubt man den Äußerungen international einschlägiger Poptheoretiker, dann befindet sich Popmusik mittlerweile im Zustand kollektiver „Retromania“ (Simon Reynolds). Die allgegenwärtige Nutzung u.a. von Streaming-Diensten wiederum hat zu einer ständigen Verfügbarkeit, einem Archiv aller Stile und Praktiken von Pop „in hoher Auflösung“ (Diedrich Diederichsen) geführt, bei gleichzeitiger Nivellierung ihrer je spezifischen Historizität und (sub)kulturellen Bedeutung. Parallel erfährt, neben dem Live-Erlebnis, die Objekthaftigkeit von Popmusik einen unerwarteten Aufschwung, etwa in der Renaissance von Vinyl oder einer Flut von luxuriös ausgestatteten Collector’s Editions. Darüber hinaus lassen sich in immer schnellerer Folge Medien- und Formatwechsel beobachten, wobei ein Schwerpunkt darin zu liegen scheint, – wie etwa in der momentan sehr erfolgreichen App musical.ly – das indexikalische Moment von Popmusik vollends an die Rezipient*innen weiterzureichen. Entlang aktueller Beispiele fragt der Vortrag nach der oder den Geschichtsphilosophie(n) von Pop heute und damit auch danach, ob im Zeitalter der Digitalisierung im Pop derzeit auch ein ästhetischer Paradigmenwechsel stattfindet.

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Matthias Pasdzierny ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin und Arbeitsstellenleiter der Bernd Alois Zimmermann-Gesamtausgabe an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. 2013 an der UdK Berlin Promotion (Wiederaufnahme? Rückkehr aus dem Exil und das westdeutsche Musikleben nach 1945). Forschungsschwerpunkte: Musikgeschichte nach 1945, Digitale Musikedition und Edition der Musik des 20. Jahrhunderts; Techno; Popkultur und deutsche „Vergangenheitsbewältigung“; Musik und Video Game Culture.

https://www.udk-berlin.de/personen/detailansicht/person/matthias-pasdzierny/http://www.bbaw.de/forschung/zimmermann/uebersicht

Vortrag von Julieta Aranda am 04.05.2017: When the Ground Becomes Exposed

Abstract

Aranda’s practice is informed by her long-term research on the relationships that art establishes with life, experience, time, and information at many levels. Art can function as a storehouse of words, in the same manner that the polar ice sheets are a storehouse of bacteria. Every language has its own idea of what constitutes a word. In English, „mustard“ is a word but „moutarde“ is not. In French, the inverse is true. Is art a language? Let’s go along and assume that is one, and let’s try to understand how are words constituted. The interplay of words in a cryptic crossword offers an interesting disparity between language and image.

Imagine bacteria living in a subzero artic frost… Scientists in the far northern reaches of Canada have collected and cultured about 200 microbes, putting the organisms in a simulation of their native environment to find the one best suited to life in extreme conditions. This turned out to be a strain of Planococcus halocryophilus, which makes its home in tiny veins of salt water in the Arctic permafrost. The bacteria can reportedly grow in these conditions and survive at temperatures down to negative 25 degrees Celsius. Oh! Though the fact that these bacteria can survive at such temperatures is amazing in itself, one could also consider the possibility of similar strains (living or dead) existing in the comparably frigid, salty environments of Mars or Saturn’s moon Enceladus. Locked in the frozen vaults of Antarctica and Greenland—in the same manner that words are locked in a crossword—a lost world of ancient creatures awaits another chance at life.

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Julieta Aranda is a conceptual artist that lives and works in Berlin and New York City. She received a BFA in filmmaking from the School of Visual Arts (2001) and an MFA from Columbia University (2006), both in New York. Her explorations span installation, video, and print media, with a special interest in the creation and manipulation of artistic exchange and the subversion of traditional notions of commerce through art making. Aranda’s complex body of work exists outside the boundaries of the object, and is characterized by the struggle of catching sight of elusive concepts such as time, circulation, and imagination.