Vorträge

Vortrag von Lilli Riettiens am 02.11.2021: #travelboomerang. Zur medienspezifischen An- und Unter-Ordnung des erblickten ›Anderen‹

Abstract

Seit einigen Jahren etablieren sich Reiseblogs in sozialen Netzwerken oder auf Websites. Hier dokumentieren Blogger_innen ihr Essen, ihre Unter- und Zusammenkünfte auf Reisen und machen so ihre Routen für Menschen andernorts nachvollziehbar und (in Gedanken) ›nach-gehbar‹. Auch bei Instagram zeichnet sich diese Entwicklung bereits seit Längerem ab, wobei Fotos und kurze Videos mit Hashtags versehen ›um die Welt gehen‹ und polychrone wie polylokale Reiseerfahrungen für die Betrachtenden möglich machen. Unter dem Hashtag #travelboomerang lassen sich seit 2016 so genannte boomerangs auf Instagram finden, die (angeblich) auf Reisen produziert wurden. Im Rahmen des Vortrages nehme ich die Darstellungen unter dem #travelboomerang zum Anlass für eine theoretische Reflexion spezifischer Bildpraxen im Kontext von Reisen. Denn vor dem Hintergrund, dass digitale (Mikro-)Formate wie boomerangs als Teil von »Digitalisierungsprozesse[n] zu einer Rekonfiguration von Praktiken der Wahrnehmung und des Wissens bei[tragen]« (Jörissen 2020, 341), wird die Notwendigkeit deutlich, sich im Anschluss an postkoloniale Lesarten mit derartigen Prägungen des Blickens zu befassen.

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Dr. Lilli Riettiens ist Erziehungswissenschaftlerin und vertritt derzeit die Juniorprofessur für Mediendidaktik und Medienpädagogik an der Universität zu Köln. Sie forscht und lehrt zu Bildungs- und Subjektivierungsprozessen im Zusammenspiel von Gender, ›Kultur‹ und Medien und rückt dabei mit Blick auf Fragen der Digitalität auch Auswirkungen auf pädagogisches Handeln in den Fokus. Sie führte das Konzept Doing Journeys in den Forschungsdiskurs ein.

Gastvortrag von Judith Ackermann am 28.10.2021: Bildung, Politik und Performance als 60sek-Dauerschleife?

Abstract

Soziale Medien ermöglichen es Nutzerinnen eigene Inhalte zu generieren und miteinander zu teilen. Die Plattformen befördern dabei über ihre technisch-gestalterische Verfasstheit spezifische Handlungs- und Kommunikationsmuster, die sich in die Beiträge der Nutzenden einschreiben. TikTok ist im Vergleich zu anderen Social Media Plattformen stärker auf die Bereiche Kreativität, Fiktion und Performance ausgerichtet. Im Zentrum der App stehen nutzerinnengenerierte Videoclips, die maximal eine Minute umfassen und über gemeinsame Sounds, identische Choreografien und thematische Kategorisierungen miteinander in Verbindung gesetzt werden. Der sogenannten #ForYou-Feed spielt Tanzperformances, Bildungsinhalte und politische Meinungsmache scheinbar gleichberechtigt nebeneinander aus und präsentiert sie den Nutzer*innen als mehrdimensionale Endlosschleife. Der Vortrag zeigt in diesem Kontext Affordanzen, Limitationen und kreative Aneignungsphänomene von TikTok auf und bildet diese auf die Produktions- und Rezeptionsgewohnheiten sowie die Erwartungshaltungen in Bezug auf die (ästhetische) Ausgestaltung der Inhalte ab.

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Judith Ackermann ist Forschungsprofessorin für Digitale und vernetzte Medien in der Sozialen Arbeit an der FH Potsdam. Seit 2017 leitet sie anteilig das BMBF-Projekt „Postdigitale Kunstpraktiken in der Kulturellen Bildung“ (PKKB) und seit 2019 anteilig das Projekt „Digitale Inklusion im Kontext Sozialer Angststörungen“ (DISA). In ihrer Forschung befasst sie sich mit den Potenzialen der Digitalisierung für Gesellschaft und Kultur. Ackermann ist wissenschaftlicher Beirat der Akademie für Theater und Digitalität Dortmund und betreibt seit August 2020 als @dieprofessorin Wissenschaftskommunikation auf TikTok.

Vortrag von Francesca Schmidt am 19.10.2021: Digitalisierung feministisch gestalten

Abstract

Ein mögliches Digitalministerium steht mal wieder auf der politischen Agenda. Doch fehlen oft intersektionale feministische Perspektiven und Handlungsoptionen. Digitalisierung, die mittels Netzpolitik gesteuert werden soll(te), wird so oft zu einem Tool das gesellschaftliche Ausschlüsse weiter manifestiert. In dem Vortrag wird es vor allem darum gehen, welche regulativen netzpolitischen Felder es gibt und wie sie feministisch ausgedeutet werden können. Ein kurzer Blick in die Praxis der Bekämpfung von digitaler Gewalt zeigt wie wichtig intersektional feministische Ansätze für die Ausgestaltung des Internets sind.

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Francesca Schmidt hat in Heidelberg und Berlin Germanistik, germanistische Linguistik und Gesellschaft, Geschichte und Politik Südasien studiert und schloss mit einer Arbeit zur Erinnerungskultur in Marlene Haushofers Prosa ab. Ihr Buch „Netzpolitik. Eine feministische Einführung“ ist 2020 im Barbara Budrich Verlag erschienen. Sie ist Gründungsmitglied und Vorständin von Netzforma* e.V. – Verein für feministische Netzpolitik. Im FFBIZ e.V. ist sie ebenfalls als Vorstandin tätig.

Vortrag von MELT (Loren Britton & Isabel Paehr) am 01.06.2021: Fusing access, oozing barriers: trans*crip worlding as praxis

Abstract

In this lecture we present works from our arts-design practice. We will set out to activate the practice of coalescing to discuss and propose trans* and neuroqueer ways of refusing access barriers and oozing expectations. Drawing from trans* feminism, crip technoscience, embodied experiences and our arts-design practice as MELT, we attend to ritual making and material practice as a crip and trans* site of resistance. Rituals are activated throughout the video lecture as practices that reduce access barriers, change habits, slow things down, or enact community rites of passage. We refuse (as in: fuse again) and confuse (as in: reconsider assumptions) separability, and trace how materials unfold in our arts-design experiments: concrete and errors become soft, rituals disorder normative space, and cosmic rays embrace neuroqueer understandings of computing.
The lecture will be shared as a video lecture and is an invitation to embrace rituals and refusal as interrelated modes that can make space for other worlds. We will make the video lecture available for screening one week before the lecture – screening from 1 June 2021. We invite you to please watch the lecture before 8 June at 18:00 and join us then for some conversation and a ritual making session together.

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MELT (Loren Britton & Isabel Paehr) questions how coloniality, climate change and technological developments are intertwined and boils up insights from chemistry, crip technoscience and trans*feminism to study and set in motion transformative material-discursive processes. MELT is currently working on the Meltionary as a growing experimental directory that investigates different materials, metaphors and modes of melting.
MELT actively works against ableist language, if this is unfamiliar to you please find: more information.

Vortrag von Torsten Meyer am 12.05.2021: Ein neues Sujet für Kunstpädagogik und Ästhetische Bildung

Abstract

Seit einigen Jahren schwappen grundlegende Ideen neuerer theoretischer Strömungen im Kontext von Actor Network Theory, Spekulativem Realismus, Object Oriented Ontology und Posthumanismus über in die Subjekttheorien und damit auch in die Theorie(n) der Ästhetischen Bildung. Das trifft sich mit der Vermutung, dass die humanistische Konzeption des Subjekts und das damit verbundene Verständnis von Bildung in der Moderne nicht mehr kompatibel sind mit den wesentlich auf kollaborativen und netzwerkförmigen sozio-technischen Prozessen beruhenden Bildungspraktiken, die seit einiger Zeit in den globalen, digitalen Kommunikationsnetzen zu beobachten sind. Veränderte Medialität führt zu veränderter Subjektivität.

Vor diesem Hintergrund soll im Vortrag eine Idee plausibel gemacht werden, die nicht nur die menschlichen Individuen als Subjekte in ihren Selbst- und Weltverhältnissen in den Blick nimmt, sondern auch die Objekte, die „Sachen“ und die „Dinge“, die die Bildungsprozesse im wahrsten Sinn des Wortes be-dingen, beachtet und vor allem auch die Tatsache berücksichtigt, dass die menschlichen Individuen in diesen Bildungsprozessen vor allem im Plural auftauchen.

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Torsten Meyer (*1965), Dr. phil., Professor für Kunst und Ihre Didaktik, Schwerpunkt aktuelle Medienkultur an der Universität zu Köln. Studium der Erziehungswissenschaft, Soziologie, Philosophie und Kunst in Hamburg und Lüneburg. Arbeitsschwerpunkte: Post-Internet Art Education, Next Art Education, Globalisierung & Digitalisation, Schul- und Hochschulentwicklung im Horizont grundsätzlich veränderter Medienkultur. medialogy.de

Vortrag von Natalie Loveless am 12.05.2021: Situated Practices in Precarious Times

Abstract

In this lecture Loveless explores the role art can play in attuning us differently within the convergence of crises that govern this time. Grounded in a return to Haraway’s germinal 1988 essay “Situated Knowledges: the Science Question in Femimism and the Privilege of Partial Perspective,” this talk will examine feminist, ecologial performance art as a modality that prioritizes aesthetic and affective spaces within which we not only reflect on what is so, but imagine and model things otherwise. Highlighting the importance of a multi-sensorial and multi-species understanding of ecological ethics, Loveless argues for the value of artistic practices that denaturalize the relationalities that govern our current extractivist systems of exploitation and power, seeding the critical and speculative imaginations needed to trouble our current ways of living and dying.

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Natalie S. Loveless is an artist and academic located at the University of Alberta’s Department of Art and Design (Canada), where she teaches in the History of Art, Design and Visual Culture, directs the Research-Creation and Social Justice CoLABoratory, and co-leads the Faculty’s Signature Area in Research-Creation. Loveless is author of How to Make Art at the End of the World: A Manifesto for Research-Creation (Duke UP 2019), editor of Knowings and Knots: Methodologies and Ecologies in Research-Creation (University of Alberta Press 2019), and co-editor of Responding to Site: The Performance Work of Marilyn Arsem (Intellect Press 2020). She is currently working on Speculative Energy Futures, a collaborative interdisciplinary curatorial project on energy transition. Loveless has held fellowships and visiting positions in the Centre for Interdisciplinary Studies in Society and Culture (CISSC) at Concordia University in Montreal, the Center for the Humanities at the University of Utrecht, and Western University, London Ontario. In 2020 Loveless was elected to the Royal Society of Canada (College of New Scholars, Artists, and Scientists) for her scholarship at the intersection of research-creation and social and ecological justice.

Vortrag von Manuel Zahn am 20.01.2021: Remix Art(s) Education

Kunstpädagogische Positionen // 20.01.2021

Dank der ubiquitär zur Verfügung stehenden digitalen Technologie kann heute potentiell jeder Animationen, Bilder oder Videos sampeln, kopieren, mischen, neu montieren und in Formen des Remix zurück ins World Wide Web geben und mittels derselben kommunizieren. Gleichsam löst sich die schon lange brüchig gewordene Distinktion zwischen Popkultur und bildender Kunst bis zur Ununterscheidbarkeit auf, wenn auch künstlerische Tätigkeit nicht länger vornehmlich in der Produktion neuer Bilder, sondern in der Postproduktion (Bourriaud) von bestehenden Bildern besteht.
Der Vortrag versucht, ein wenig von den gegenwärtigen medienkulturellen Bedingungen der postproduktiven Formen des Remix zu beschreiben. Und er fragt darüber hinaus in kunstpädagogischer Perspektive nach den Potentialen der ästhetischen Strategien und Praktiken des Remix für eine ästhetisch bildende Auseinandersetzung mit der uns umgebenden digitalisierten Welt.

MONTHLY lectures ist ein öffentliches Archiv des Instituts für Kunst & Kunsttheorie der Universität zu Köln, das die regelmäßigen Vorträge am Institut online versammelt. Formatübergreifend werden Symposien, Tagungen, KünstlerInnenpräsentationen, kunstpädagogische Positionen und Vorträge aus den angrenzenden gestalterischen und wissenschaftlichen Disziplinen nach Kategorien und Themen sortiert abgebildet und für ein breites Publikum und individuelle Forschung zugänglich gemacht.

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Manuel Zahn, Dr. phil., ist Professor für Ästhetische Bildung an der Universität zu Köln. Seine Arbeitsgebiete sind Erziehungs- und Bildungsphilosophie, Medienbildung, insb. Filmbildung, Kunstpädagogik und Ästhetische Bildung in digitalen und globalen Transformationsdynamiken, Postkoloniale Theorie und Ästhetische Bildung. Zahlreiche Vorträge und Publikationen, zuletzt: Übertrag. Kunst und Pädagogik im Anschluss an Karl-Josef Pazzini (2017), Lehre im Kino. Psychoanalytische und pädagogische Lektüren von Lehrerfilmen (2018), Visuelle Assoziationen. Bildkonstellationen und Denkbewegungen in Kunst, Philosophie und Wissenschaft (2018) und Education in the Age of the Screen. Possibilities and Transformations in Technology (2019).
kunst.uni-koeln.de/zahn/

Credits:
Aufzeichnung und Postproduktion:
MBR – Medienbildungsraum mit Merle Ballermann, Julia Goltermann, Elias Müller und Marlène Tencha
Organisation:
Martin Brand, Eva Hegge, Carolin Jakob und Dshamilja Nebgen
Leitung:
Prof. Dr. Torsten Meyer
Produziert von:
Universität Köln, Institut für Kunst & Kunsttheorie
Imprint
© 2020 kunst.uni-koeln.de/monthly/
Institut für Kunst & Kunsttheorie, Prof. Dr. Torsten Meyer

Vortrag von Josephine Schmitt am 27.11.2020: Die Rolle des YouTube-Empfehlungsalgorithmus für den Kontakt mit extremistischen Inhalten

Abstract

Der sogenannte Empfehlungsalgorithmus hat das Ziel die Nutzer*innen so lange wie möglich auf der Plattform zu halten und damit Einnahmen zu generieren. Dafür „lernt“ der Algorithmus, was die Nutzer*innen sehen und mögen. Laut einer US-amerikanischen Studie folgen ca. 81% der User*innen mindestens gelegentlich den „Empfehlungen“, 15% sogar regelmäßig (Smith, Toor & van Kessel, 2018). Ob es sich dabei um Hate Speech, Verschwörungserzählungen oder Beauty-Tutorials handelt, das ist dem Algorithmus egal. Er „empfiehlt“, was (ökonomisch) sinnvoll erscheint. Die Nutzer*innen sollen sich wohl fühlen und möglichst viele und lange Videos schauen! Das kann insbesondere für jüngeren, unerfahrenere YouTube-Nutzende, die automatisierte „Empfehlungen“ u.U. als soziale Hinweisreize interpretieren und eher bereit sind, subtileren Persuasionsangeboten zu folgen, ein Problem darstellen – ein Problem, welches auch eine gesamtgesellschaftliche Dimension birgt.

Warum aber werden etwa Inhalte von extremistischen Akteur*innen „empfohlen“, obwohl es einerseits YouTube-Selbstverpflichtungen (z.B. Community-Richtlinien) und juristische Regularien (z.B. NetzDG) gibt, die diese Inhalte bekämpfen? Welche Rolle spielen YouTube-Algorithmen in Radikalisierungsprozessen? Inwiefern sind sie dafür verantwortlich, dass Nutzer*innen in extremistische „Filterblasen“ (gibt es die überhaupt?) und „Kaninchenlöcher“ eintauchen? Und: was kann man dagegen unternehmen? Vor dem Hintergrund medienpsychologischer, kommunikations- und erziehungswissenschaftlicher Forschung möchte ich u.a. diese Fragen in einem interaktiven Vortrag diskutieren. Erarbeiten möchte ich mit den Studierenden insbesondere auch Überlegungen für medienpädagogische Maßnahmen, die sich möglicher Herausforderungen bei der YouTube-Nutzung annehmen.

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Dr. Josephine B. Schmitt arbeitet als Referentin für Digitalisierungsforschung am Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum. Sie forscht u.a. zu Inhalt, Verbreitung und Wirkung von Hate Speech, extremistischer Propaganda und (politischen) Informations- und Bildungsangeboten im Internet. Mehr Informationen: medienundlernen.wordpress.com

Vortrag von Antje Winkler am 25.11.2020: Postdigitale Schauplätze und ihr politisches Potenzial

Abstract

Wo war die Kunst, die sich bemüht, das Neue, die Widerständigkeit und damit auch die kritische Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Welt in/durch und über die Werke hinaus zu suchen?

In Anlehnung an Agambens Idee des Zeitgenossenschaftlichen, galt es zu prüfen, welche Widersprüchlichkeiten bzw. Widerstände in der postdigitalen Kunst an der Zeit zum Vorschein kommen.

Die künstlerischen Arbeiten von Hito Steyerl, der !Mediengruppe Bitnik und Simon Denny führen uns in/durch und über die Werke hinaus an die Ränder, das Unbestimmte der Schauplätze und befeuern so die individuelle Resonanz und Entwicklung neuer Denk- und Handlungsräume: eben da, wo sich das Politische der Kunst ereignet.

Vom Leisen und Lauten. Vom Lauschen gegen den Strom. Im Postdigitalen den Schauplatz des Politischen erkunden. Dabei über Pixel stolpern und die digitale Sehschärfe justieren. Auf die Taktung kommt es an. Auch der postdigitale Schauplatz hat eine Pausefunktion, so bringt er die Wahrnehmungsmaschine ins rotieren und greift in synästhetische Ordnungssysteme ein. Welche Gegenwart bildet sich in/durch und über diese postdigitalen Schauplätze ab? Wie lässt sich die Ästhetik der Arbeiten politisch verstehen? Inwiefern ergeben sich Potenziale für einen Kunstunterricht auf der Höhe seiner Zeit?

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Antje Winkler hat als Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung Kunst und Geschichte auf Lehramt für Gymnasium an der TU Dresden studiert. Sie lehrt als Dozentin an der Universität der Künste Berlin und arbeitet als Lehrerin an einem Berliner Gymnasium. Künstlerisch arbeitet sie u.a. an Lecture-Performances (Performance Garten 7 »Deborah geht dazwischen«, 2020). Forschungsschwerpunkte sind Politische Ästhetik und Gegenwartskunst, Zeitgenössische Didaktiken, Postdigitale Ästhetik und ihre Potenziale für gegenwartsbezogene Vermittlungsansätze.

Vortrag von Christian Katzenbach am 25.11.2020: Regulierung „durch“ Algorithmen?

Abstract

Algorithmen werden vielfältige soziale Funktionen zugeschrieben: Vermeintlich entscheiden sie über die Vergabe von Krediten, über Potenziale auf dem Arbeitsmarkt, den schnellsten Weg zum Ziel und die Relevanz von Nachrichten. Zudem werden sie verantwortlich gemacht für die globale Verbreitung von Misinformation und die Verschärfung sozialer Ungleichheiten. Gleichzeitig positionieren viele Unternehmen und manche politische Institutionen weiterhin Algorithmen als adäquate Lösung für soziale Probleme: Facebooks CEO Marc Zuckerberg beantwortete Fragen nach Strategien des Unternehmens zur Bekämpfung von Misinformation, Hate Speech und Datendiebstahl mehr als ein dutzend Mal mit „AI will fix this“ oder „in the future, we will have technologies in place…“.

Und tatsächlich nutzen Plattformen tagtäglich automatisierte Systeme zur Klassifikation von Inhalten, mitunter auch zur direkten Filterung oder Sperrung wie etwa das ContentID auf YouTube. Ob ein solcher “technological fix” allerdings die Widersprüchlichkeiten in der Regulierung und Ordnung von Plattformen (wie auch in anderen Kontexten) auflösen kann, ist mehr als fraglich.

Der Vortrag rekonstruiert und diskutiert diese Fragen aus einer konzeptuellen Perspektive, die techniksziologische und institutionentheoretische Arbeiten kombiniert. Im Ergebnis wird Regulierung „durch“ Algorithmen nicht als technisch-funktionale Entwicklung verstanden, sondern als institutionelle Formation, die technologische Fortschritte (etwa in der Klassifikation von Inhalten) einbettet in diskursive und politische Agenden. Damit wird deutlich, dass wir derzeit eine Institutionalisierung und “Infrastrukturisierung” von algorithmischen Systemen erleben. Damit einher geht die die Gefahr, dass mit der Verlagerung von Entscheidungen über umstrittene Inhalte in Technik und Infrastrukturen inhärent politische Fragen (etwa um die Grenzen der Meinungsfreiheit) der öffentlichen Debatte entzogen und der Entscheidungshoheit von Anbietern überlassen werden. Dieser Prozess ist aber keine technisch-funktionale Notwendigkeit, sondern politisch und gesellschaftlich gestaltbar.

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Dr. Christian Katzenbach leitet den Forschungsbereich Internet Policy und Governance und den Programmbereich Digitale Gesellschaft am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft.
hiig.de/katzenbach-christian/

Vortrag von Felicitas Macgilchrist am 21.01.20: Datafizierte Schulen? Datenpraktiken und Designentscheidungen in der Schule

Abstract

Wie präfigurieren digitale Daten unsere Sozialität? Wer gestaltet die Software, die wir täglich nutzen und welche Werte schreiben sie hinein? Und welche beabsichtigten und unbeabsichtigten Konsequenzen folgen daraus – vor allem für Schüler*innen? In diesem Vortrag geht Felicitas Macgilchrist diesen Fragen anhand Forschungsprojekten zu Datafizierung und Schule nach. Der Prozess der Datafizierung—d.h. das zunehmende Sammeln, Speichern, Auswerten, Zirkulieren und Visualisieren von digitalen Daten—wird dabei als ambivalent gesehen, mit größerer Kontrolle und Überwachung auf der einen Seite (Stichwort: surveillance capitalism) sowie mehr Gerechtigkeit und neuen Partizipationsmöglichkeiten auf der anderen (Stichwort: convivial edtech).

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Felicitas Macgilchrist leitet die Abteilung „Medialen Transformationen“ am Georg-Eckert-Institut – Leibniz Institut für internationale Schulbuchforschung (GEI) in Braunschweig und ist Professorin für Medienforschung mit dem Schwerpunkt Bildungsmedien an der Georg-August-Universität Göttingen. In ihrer Forschung beobachtet sie, wer Schule durch digitale Technologie versucht zu ändern und was sich dabei entfaltet. Aktuelle Projekte begleiten digitale Praktiken im Unterricht, reflektieren Konzepte in den Debatten um digitale Bildung wie Datafizierung und Postdigitalität, und entwickeln partizipative Methoden um Lernsoftware mit Schüler*innen zu gestalten.

Bildcredits: Scholz/flickr

Vortrag von Niclas Stockel am 17.12.2019: Quo vadis, Musikvideo(-forschung)?

Abstract

In jüngster Zeit sind vereinzelte Publikationen erschienen, die den Forschungsdiskurs hinsichtlich des Musikvideos im digitalen Zeitalter erweitert haben. Oftmals werden zeitgenössische Musikvideo-Formen etwa im Echoraum der sogenannten „Post-Internet-Art“ verortet. Neuartige Distributionsformen und Rezeptionsbedingungen werden in diesem Zusammenhang vorrangig berücksichtigt. Seitens der Produktionsästhetik sind allerdings gleichermaßen Paradigmenwechsel auszumachen: Nicht selten werden auf verschiedenen Ebenen etwa erhebliche Eingriffe in das musikalische Ausgangsmaterial vorgenommen.
Zudem werden Musikvideos, denen ein einziges (zum Teil umarrangiertes) Musikstück zugrunde liegt, aktuell in einer nie dagewesenen Pluralität an Fassungen und Versionen produziert und nahezu simultan veröffentlicht. Neuartige Musikvideo-Typen wuchern im Internet. Der Vortrag liefert Einblicke in den zeitgenössischen Diskurs und stellt weiterführende Fragen an das Musikvideo als Forschungsgegenstand.

Info

Niclas Stockel ist seit 2016 Lehrkraft für besondere Aufgaben im „Intermedia“-Studiengang der Universität zu Köln. Geschichte, Analyse sowie Produktion und Ausgestaltung von Musikvideos sind neben der Behandlung von Musik in Film und Fernsehserie die Schwerpunkte seiner Lehrveranstaltungen. Studium der Musikwissenschaft, Germanistik und Philiosophie in Münster und Mainz. Seit 2016 Promotion zum Thema „Musikvideo 2.0“. Zudem aktiver Musiker (Gesang/Gitarre) und Musikvideo-Produzent.

Bildcredits: NETFLIX 2019